Perspektiven für den Würzburger Norden – Strategiewerkstatt in Rimpar

Wie es gelingen kann, einer sinkenden Bereitschaft, sich im Verein zu engagieren und einer schlechter werdenden Nahversorgung in den Ortsteilen entgegenzusteuern, waren zwei wichtige Konsequenzen für die weitere Entwicklung des Würzburger Nordens, die bei der Strategiewerkstatt am 11. November in Rimpar für das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept (ILEK) herausgearbeitet worden sind. Knapp 80 Bürgerinnen und Bürger aus allen zehn Mitgliedsgemeinden Bergtheim, Eisenheim, Estenfeld, Güntersleben, Hausen, Kürnach, Oberpleichfeld, Prosselsheim, Rimpar und Unterpleichfeld kamen in der Alten Knabenschule zusammen, um sich über die Diskussionsergebnisse der vorangegangenen Ortsveranstaltungen auszutauschen sowie sich mit zukünftigen Trends und Entwicklungen auseinanderzusetzen.
„Der Würzburger Norden ist auf einem guten Weg“, schätzte der Leitende Baudirektor Otto Waldmann vom Amt für ländliche Entwicklung Unterfranken die bisherigen Diskussionsergebnisse ein. Im Hinblick auf die nächsten Schritte hob er positiv hervor, dass es trotz der verschiedenen Schwerpunkte der einzelnen Gemeinden gelungen sei, gemeinsame Interessen als Grundlage für die weitere Zusammenarbeit zu finden.

2015-11-11 strategiewerkstatt1

Um die wichtigen und spannenden Fragen „Worauf müssen wir uns in Zukunft einstellen?“ und „Wo liegen für uns noch Chancen?“ beantworten zu können, stellte die Moderatorin Ulrike Lilienbecker ausgewählte Megatrends vor, von denen freilich einige auch schon bei den Ortsveranstaltungen in den Gemeinden angerissen worden sind. Etwa der Trend der “Individualisierung” der Gesellschaft, der sich an der Vielfalt der Interessen und Lebenswege insbesondere bei Jugendlichen zeige. Oder die zunehmende Bedeutung der “Mobilität”, die Veränderungen in der modernen Arbeitswelt hin zu team- und projektbezogenen Arbeitsformen und das “Neue Lernen”, bei dem Bildung zur Schlüsselressource der kommenden Generationen wird. Neue Anregungen hingegen könnten ihrer Meinung nach der wachsende Einfluss der Frauen und die Auflösung der Geschlechterrollen sowie die “Neo-Ökologie” geben, was Nachhaltigkeit und Effizienz in allen Bereichen bedeute, aber auch ein stärker werdendes Umwelt- und Verantwortungsbewusstsein sowie eine neue Lust der Menschen auf Natur (Wandern, Naturparke, Naturprodukte).

Für die anschließende Auswertung fasste Frau Lilienbecker die bisherigen Ergebnisse der Ortsveranstaltungen zu vier großen Themenblöcken zusammen und stellte kurz die damit verbundenen Handlungsziele vor. Im Bereich „demographischer Wandel, Mobilität und Innenentwicklung“ gehe es darum, die Daseinsvorsorge zu sichern, die dörflichen Strukturen zu erhalten und die Innenentwicklung zu fördern, die Lebensqualität von Alt und Jung zu erhalten sowie die Mobilität nicht nur für die Älteren zu erhalten und umweltfreundlich auszubauen. Für die Themen „Nachhaltigkeit, Natur/Umwelt, Land- und Forstwirtschaft sowie regionale Produkte“ sei Flächen sparen und das Flächenmanagement wichtig, ebenso Wasser sparen und die Gewässer schützen, der Biotopschutz und eine Steigerung des Bewusstseins für Kulturlandschaft, Umwelt und Naturschutz sowie eine Stärkung der bäuerlichen Land- und regionalen Forstwirtschaft. In einem dritten Bereich werden Standortentwicklung, Verkehr, Wirtschaft und Bildung beschrieben. Hier geht es für den Würzburger Norden darum, auf übergeordnete Verkehrsplanungen Einfluss zu nehmen, die Wirtschaft weiter zu entwickeln, Kooperationsvorteile zu nutzen und das Schulnetz zukunftsfähig zu gestalten. Das Rad- und Fußwegenetz, die Förderung und Vernetzung der Freizeit- und Kulturangebote sowie Werte vermitteln und Brauchtum erhalten sind Ziele im vierten Aspekt, wo es um Freizeit, Kultur, Tourismus und Heimat/Tradition geht.

2015-11-11 strategie 05 mittelgross

In der Diskussion wurde der Individualisierungstrend aufgegriffen und auf die negativen Auswirkungen für das soziale Leben in den Gemeinden hingewiesen. Vor allem für die Führung der Vereine und den Vereinsvorstand werde es immer schwieriger, Bürger zu finden, was auch dem heutigen Berufsleben geschuldet sei, wo vor allem jüngere Menschen stärker eingebunden sind, wurde erklärt. „Sich einzubringen ist nicht mehr selbstverständlich“, war die Meinung und eine zunehmende Erwartungshaltung der Bürger wurde kritisiert, die sich auch gegenüber der Politik und Gemeindeverwaltung zeige, wo es beispielsweise Probleme gebe, ehrenamtliche Gemeinderäte zu finden: „Gemeinde – Mach mal!“ bekäme man dann nur als Antwort zu hören. Die Diskussionsrunde sprach sich deshalb dafür aus, das Ehrenamt zu stärken und attraktiver zu machen, um die Vereine und damit das Leben im Dorf und der Gemeinde erhalten zu können. Als positives Beispiel wurde die gemeinsame Jugendfeuerwehr von Eisenheim und Püssensheim genannt. Beim diesjährigen Jugendzeltlager habe sich gezeigt, dass die Menschen wieder nach einem Gemeinschaftserlebnis suchen und es bei der Jugend ein starkes Bedürfnis gebe, in Gemeinschaft etwas zu machen, wurde betont. Frau Lilienbecker regte an, als Ergänzung zu den Vereinen auch neue Formen – Stichwort Bürgerkommune – auszuprobieren, um die Bürger einzubeziehen und stärker in Verantwortung zu neben.

Weil die fehlende Nahversorgung in den Ortsteilen – wie etwa in Gramschatz, wo es keinen Bäcker mehr gibt – vor allem für ältere Einwohner ein Problem sein kann, die nicht mehr mobil sind, wurde der demographische Wandel näher beleuchtet. Möglichkeiten zur Verbesserung könnten darin liegen, die Nahversorgung im Würzburger Norden zusammen zu organisieren und punktuell in der Ortsmitte wieder Belieferungs- und Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen, wie das in Gramschatz mit einem Bestellservice über einen auswärtigen Bäcker über die Dorfgemeinschaft organisiert wurde und Eisenheim mit dem Projekt Dorfladen nun versucht werden soll. Auch eine stärkere Vermarktung der regionalen Produkte könnte eventuell helfen. Als Voraussetzung, damit so ein Vorhaben gelingen kann und kein Wunschdenken bleibt, müsse klar der Bedarf ermittelt, aber auch der Bürger in die Verantwortung genommen werden. Denn „hier ist Kopfarbeit gefragt“, womit die Bewusstseinsschaffung für den lokalen Einkauf gemeint ist: Denn nur wer lokal einkauft, unterstütze unmittelbar seine Gemeinde, in der er lebt.

2015-11-11 strategie 02 klein

Ein wichtiger Hinweis betraf die Vernetzung mit den vorhandenen Strukturen im Landkreis Würzburg, wie etwa dem Netzwerk der Seniorenarbeit, dem Tourismus oder Wirtschaftsförderung/Marketing. Michael Dröse von der Kreisentwicklung im Landratsamt bot dafür seine Unterstützung an, auch wenn es darum gehe, Projekte von Seiten des Landkreises mit dem ILEK abzugleichen oder einzubinden. Speziell für eine Abstimmung zwischen den fünf Integrierten Ländlichen Entwicklungen im Landkreis ist ab 2016 ein regelmäßiges Treffen geplant, kündigte er an. Als weitere Themen wurden die Vernetzung von Kultur und Freizeit, die Nutzung von Synergieeffekten beispielsweise durch gemeinsamen Einkauf von Baumaterial, die zukünftige Energieversorgung, die begrenzten Einflussmöglichkeiten auf Verkehrsprojekte, das Bewusstsein für umweltfreundliche Mobilität aufgenommen und dass die Flüchtlinge als Chance für die Region genutzt werden sollen, auch um durch die Arbeit mit Flüchtlingen eine Wertschätzung der Einwohner für sich selber zu bekommen.

Für die weitere ILEK-Erarbeitung wurde empfohlen, die Gemeinsamkeiten im Würzburger Norden deutlich herauszustellen und eine gedankliche Klammer für diesen Kooperationsraum zu finden. Ein Teilnehmer mahnte den Bedarf an Erfahrungsaustausch an, der noch zwischen den Bürgern aus den einzelnen Orten bestehe, und empfahl dafür ein stärkeres Zusammenkommen und dass man sich von „Auge zu Auge“ untereinander in der Region austauschen könne. Ein erster Schritt in diese Richtung soll mit den Arbeits- und Projektgruppen (AG/PG) begonnen werden, die im Rahmen des ILEKs im Januar und Februar 2016 mit ihrer Arbeit beginnen. Jeweils ein bis zwei Bürgermeister fungieren dabei als Sprecher. Ausgemacht wurden die AG „demographischer Wandel“ mit der Bürgermeisterin Martina Rottmann (Oberpleichfeld), die AG „Nachhaltigkeit/Regionale Produkte“ mit den Bürgermeistern Konrad Schlier (Bergtheim) und Andreas Hoßmann (Eisenheim) und die AG „Freizeit, Kultur, Werte“ mit der Bürgermeisterin Rosaline Schraud (Estenfeld) und dem Bürgermeister Burkard Losert (Rimpar). Die Termine werden noch rechtzeitig bekannt gegeben. Bereits fest steht schon Montag, der 11. Januar, wenn um 19:00 Uhr im Pfarrheim in Unterpleichfeld der Workshop für das zukünftige Wegenetz in der Flur und im Wald für Landwirtschaft und Freizeit (Fahrrad, Mountainbike, Wanderer und Spaziergänger) startet.

2015-11-11 strategie 03.JPG klein

2015-11-11 strategie 04 klein