Anbieterverzeichnis und Aufbau einer Vermarktungsorganisation als erster Schritt – Arbeitsgruppe „Regionale Produkte / Kulturlandschaft“ will die Produzenten und Direktvermarkter an einen Tisch bringen

Nur recht wenige Teilnehmer fanden sich zum zweiten Treffen der Arbeitsgruppe „Regionale Produkte / Kulturlandschaft“ ein, das am 17. März wiederum im Weingut Schmitt in Bergtheim im Rahmen des Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzeptes (ILEK) stattfand. Anhand von erfolgreichen und eher mißglückten Markthallen-Konzepten aus Deutschland und der Schweiz wurden Knackpunkte für die gemeinsame Vermarktung im Würzburger Norden und die Machbarkeit der Idee der zentralen Markthalle festgestellt. Als erster Schritt soll deshalb mit einem Anbieterverzeichnis und der Bildung eines Netzwerkes der Produzenten regionaler Produkte in der Region begonnen werden.

2016-03-17 WüNo Regionale Produkte klein

Die Moderatorin Ulrike Lilienbecker präsentierte zu Beginn die Markthallen-Beispiele, die sehr aufschlussreich waren und wichtige Hinweise für die Konzeption und den möglichen Betrieb einer zentrale Markthalle geben, die beispielsweise verkehrsgünstig direkt an der Bundesstraße B19 in Bergtheim angesiedelt werden könnte, um auch die Pendler und vielen durchfahrenden Autofahrer als Kunden zu gewinnen. Als Erfolgskriterien leitete sie privatwirtschaftliches Engagement oftmals aus einem bestehenden Betrieb heraus, eine eindeutige Profilierung, eine multifunktionale Nutzung, ein klares Betreiberkonzept sowie die Einbindung von Manufakturen (lokal bzw. vor Ort Produziertes) und einer Gastronomie als Erfolgskriterien ab. Da mehrere öffentlich geförderte Bauernmarkthallen, die in den 1990er Jahren beispielsweise in Thüringen entstanden waren, mittlerweile nicht mehr existieren oder für andere Veranstaltungen wie Stadtfeste oder Flohmärkte genutzt werden, sieht Frau Lilienbecker Vorteile in einer privatwirtschaftlichen Variante sowie in einem Zusammenschluss von Anbietern und potentiellen Kunden. „Wir brauchen entweder ein funktionierendes Netzwerk oder einen guten Gastronomen und Geschäftsführer, der sich darum kümmert“, lautete ihr vorläufiges Fazit.

Als Netzwerk bietet sich die Gründung einer Genossenschaft an, die ein starkes Wir-Gefühl schaffen kann oder auch eine neue Idee, die aus Frankreich stammt und dort auch in ländlichen Regionen inzwischen erfolgreich ist. Food Assembly bietet die Möglichkeit, online direkt beim regionalen Erzeuger zu bestellen und seine Produkte dann wöchentlich auf einem Markt im Ort abzuholen. Dabei arbeitet Food Assembly wie ein Online-Netzwerk, das den Direktvertrieb stärken möchte (das Video ist sehenswert). Solch eine Idee würde prinzipiell auch in bereits vorhandenen Gebäuden und Hallen wie beim Weingut Schmitt oder beim Straußenhof funktionieren, war hierzu die Einschätzung. Um diese Idee in der Region auszuprobieren, wurde als Vorschlag die Durchführung eines regionalen Genusstages im Frühwinter aufgenommen, der auch nach dem SlowFood-Prinzip oder wie ein anspruchsvoller Weihnachtsmarkt laufen kann.

Wie beim ersten Treffen am 28. Januar versprochen, zeigte Frau Lilienbecker Ergebnisse einer groben „Milchmädchenrechnung“ auf. Um wirtschaftlich erfolgreich sein zu können, sieht sie 150 bis 200 Kunden pro Tag als notwendig an, was von der Arbeitsgruppe als durchaus realistisch und machbar für den Standort Bergtheim eingeschätzt wurde. Auch die für den Würzburger Norden wichtigen Elemente wie ein Bestell- und Lieferservice für die Versorgung der kleineren Ortschaften, die Gewinnung von Großabnehmern und ein Anbieterverzeichnis für die Produzenten und Direktvermarkter sollen dabei umgesetzt werden. Um den Zusammenhang zur Kulturlandschaft stärker herauszustellen und auf die Glaubwürdigkeit und Qualität zu setzen, soll sich das Verzeichnis von einer reinen Auflistung jedoch deutlich abheben und den Anbieter selbst und sein jeweiliges Leitprodukt in den Vordergrund stellen.

In der Diskussion wurde erneut das fehlende gastronomische Angebot im weiteren Umfeld aufgegriffen und darauf hingewiesen, dass eine vernünftige Gastronomie ein Zugpferd und wichtiger Einnahmebringer in Kombination mit der Markthalle darstellt. Allerdings sei Gastronomie heutzutage ein schwieriges Geschäft und auch hier trage sich der Betrieb vor allem durch die Getränke oder eine Kombination mit weiteren Angeboten. Als Beispiel dafür wurde der Gastroniomiebetrieb eines großen Obsthändlers aus Würzburg genannt (pavillon). Auch eine Integration einer Bäckerei (Beispiel Bäckerei papperts) oder Metzgerei könne daher sinnvoll sein und weitere Kunden anlocken, wurde ergänzt.

Weitere Herausforderungen liegen in der schnellen Verderblichkeit großer Mengen von Saison-Waren wie etwa Erdbeeren oder Spargel sowie in der geringen Unterscheidbarkeit miteinander konkurrierender Produkte wie Krautköpfe und Kartoffeln aus den einzelnen Orten gegenüber dem Wein, der klarer differenziert ist. „Wer gibt an, was gemacht und angeboten wird?“, wurde als entscheidende Frage identifiziert, um auch die spezialisierten Betriebe unter einen Hut zu bringen. Für die Abfrage des genauen Bedarfs für die zukünftige gemeinsame Vermarktung und für das Interesse an einer Markthalle, soll jedoch kein Fragebogen erstellt und rumgeschickt werden, wie ursprünglich vereinbart. Besser wäre es, die hiesigen Produzenten persönlich aufzusuchen und direkt anzusprechen, wurde als nächster Schritt vereinbart. Auch die Vorstellung der bisherigen Ideen und Ansätze in einer größeren Veranstaltung sei dann sinnvoll. Für den Anbieter ist mehr Umsatz das schlagende Argument, für den Kunden steht das Hofladen-Erlebnis im Vordergrund, das darin besteht, „mittendrin zu sein und zu wissen, wo es herkommt“, fasste ein Teilnehmer die heutigen Vermarktungsanforderungen am Ende gut zusammen.

Regionalität und Glaubwürdigkeit – Arbeitsgruppe „Regionale Produkte / Kulturlandschaft“ sieht Bedarf für eine gemeinsame Vermarktung

Die Regionalität liegt im Trend und ist für die Arbeitsgruppe „Regionale Produkte / Kulturlandschaft“ ein wichtiger Ansatz. Knapp 30 Teilnehmer – darunter Landwirte, Winzer und weitere Direktvermarkter sowie Vertreter vom Naturschutz, Bürgermeister und interessierte Bürgerinnen und Bürger – haben am 28. Januar im Weingut Schmitt in Bergtheim die zukünftigen Vermarktungschancen für den Würzburger Norden ausgelotet. Um die vorhandenen Vertriebsstrukturen regionaler Produkte zu optimieren und zusätzliche Absatzmöglichkeiten zu schaffen, die Versorgung insbesondere der älteren Bürger in den kleineren Ortsteilen zu verbessern und wichtige Impulse für den Erhalt und die Zukunft der Kulturlandschaft zu geben, soll im Rahmen des Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzeptes (ILEK) eine gemeinsame Vermarktungsstrategie für regionale Produkte entwickelt werden.

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Wein, Sekt, Spargel, Äpfel, Quittenprodukte, Kraut, Honig, Beeren, Gemüse, Fleisch, Wurst und noch vieles mehr – der Würzburger Norden hat eine Vielfalt an regionalen Produkten anzubieten. Doch fehlt eine zentrale Vermarktung und bislang muss man noch von Hof zu Hof fahren, um die leckeren Sachen in der Region einkaufen zu können, war sich die Arbeitsgruppe schnell einig. Als Vorschlag wurde deshalb eine zentrale Markthalle ins Spiel gebracht, die beispielsweise verkehrsgünstig direkt an der B 19 in Bergtheim angesiedelt werden könnte, um auch die Pendler und vielen durchfahrenden Autofahrer als Kunden zu gewinnen. Einen ähnlichen, jedoch rein auf eine Gemeinde bezogenen Ansatz verfolgt Eisenheim mit seinem aktuellen Dorfladen-Projekt.

Als entscheidend für den ökonomischen Erfolg solch einer zentralen Markthalle wurde eine ausreichende Nachfrage nach regionalen Produkten, ein schlagkräftiges und stimmiges Vermarktungskonzept und ein engagierter und kundiger Betreiber ausgemacht. Sowohl von positiven (Vermarktungshallen in Norddeutschland, Erzeugermarkt Bad Kissingen) als auch von negativen Bespielen (Obsthalle Volkach) wurde berichtet. Zur Verbesserung der Nachfrage und Akzeptanz wird ein breites Angebot, eine Kombination mit Dienstleistungen und ein ansprechendes gastronomisches Angebot als sinnvoll eingeschätzt: „Denn viele Gaststätten sind bei uns geschlossen und vor allem tagsüber gibt es kaum mehr etwas, wo man zum Essen hingehen könnte.“ Die Moderatorin Ulrike Lilienbecker bot in diesem Zusammenhang an, ein grobes Konzept mit einer „Milchmädchenrechnung“ zusammenzustellen, das beim nächsten Treffen der Arbeitsgruppe im März dann weiter besprochen werden soll. Der genaue Termin wird noch ausgemacht und bekannt gegeben. Auch architektonische und gestalterische Aspekte müssen dabei berücksichtigt und weitere Produkte wie zum Beispiel Kunsthandwerker eingebunden werden, wurde ergänzt. In einem ersten Schritt soll nun über die Gemeinden der aktuelle Stand abgefragt werden, was aktuell produziert wird und wer Interesse hat, bei einer gemeinsamen Vermarktung mitzumachen bzw. sich dort einzubringen. Auch die Herausgabe eines Verzeichnisses mit den aktuellen Öffnungszeiten aller Produzenten in der Region (ähnlich wie für die Vereine, was in der Arbeitsgruppe „Freizeit / Kultur / Werte“ vorgeschlagen worden ist) wird als nützlich angesehen. Eine Teilnehmerin schlug eine App mit den Öffnungszeiten vor.

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In der Diskussion wurde ein wichtiger Zusammenhang zur Kulturlandschaft hergestellt und die Glaubwürdigkeit als entscheidender Faktor zur erfolgreichen Vermarktung von regionalen Produkten identifiziert: „Der Kunde sieht nicht nur das Produkt, sondern auch die Gesamtheit aus Landschaft, Umfeld, Zufahrt zum Hof etc.“, wurde erklärt. Eine intakte Kulturlandschaft sei deshalb eine wichtige Vermarktungsvoraussetzung und wirke sich zugleich verkaufsfördernd aus, war die Konsequenz. Wichtig sei deshalb, bestimmten Landschaftsveränderungen (Beispiel Rodung von Streuobstwiesen, Maisanbau) und Defiziten in Kulturlandschaft (Beispiel aktuelle Probleme der Feldhamsterpopulation, Verschwinden der Teufelskralle, Zunahme der Füchse?) entgegenzuwirken, die sich auch im Würzburger Norden bereits deutlich abzeichnen, wurde gefordert. Ein Ansatzpunkt dafür könnten die verpachteten Flächen der Kommunen sein, bei denen strengere Auflagen für die Bewirtschaftung im Hinblick auf Kulturlandschaftserhalt und Naturschutz vorgegeben werden könnten, wurde als Idee gennant. Der Landschaftspflegeverband bietet an, den Kommunen „Rezepte“ an die Hand zu geben, wie so etwas aussehen könnte, aber auch, um Wege- oder Grabenränder naturschutzgerechter pflegen und so eine Vorbildwirkung ausüben zu können. Eventuell kann dies auch als „Kommunales Kulturlandschaftsprogramm“ weiterentwickelt werden und mit Fördermitteln durch die EU bzw. den Freistaat Bayern kombiniert werden, um auch die Landwirte zu überzeugen und ihnen einen wirtschaftlichen Mehrwert bei einer Änderung der Bewirtschaftung zu garantieren.

Weiter wurde erläutert, dass die angesprochene Glaubwürdigkeit auch für die Produkte selber Bedeutung hat. Glaubwürdigkeit kann somit als Strategie verstanden werden, um die regionalen Produkte aus der Masse hervorzuheben, wie das etwa die Slow Food-Bewegung oder das Fränkische Rekultivierungsprojekt alter Quittensorten MUSTEA mit sogenannten authentischen Produkten bzw. regionalen Spezialitäten einsetzen. Der Vorschlag hier: Zurück zu den Wurzeln der fränkischen Kulturlandschaft und Produkte wieder aktivieren, die hier eine Tradition haben (Sauerkraut, Gurken?). Dieser Vorschlag könnte auch helfen, Konkurrenzkonflikte der Direktvermarkter zu vermeiden sowie die Unverwechselbarkeit der Produkte (Was unterscheidet den Spargel aus Bergtheim von dem in Unterpleichfeld?) und das Profil des Produzenten hervorzuheben, was sich wiederum positiv für den Verkaufserfolg auswirken und einen höheren Verkaufspreis rechtfertigen würde, wurde genannt.

Weitere Vermarktungschancen bestehen in der Belieferung von Großküchen wie etwa dem Klinikum Würzburg, wie ein Teilnehmer aus eigener Berufserfahrung schildern konnte. Dort würden auch größere Mengen gebraucht, wozu man ja gerade im Würzburger Norden durch die größeren Landwirtschaftsbetriebe durchaus in der Lage sei, wurde herausgestellt und auf die mögliche Weiterentwicklung als Vermarktungsagentur bzw. Handelspartner verwiesen. Zum Abschluss wurde die Frage der Versorgung der älteren Einwohner in den kleineren Ortsteilen wie etwa in Gramschatz diskutiert, wo es kein Ladengeschäft mehr gibt. Für zweckmäßig halten die Teilnehmer eine Lebensmittelkiste (Beispiel Gemüsekiste Münsterschwarzach), die über die Vermarktungszentrale vorbestellt und dann einmal pro Woche ausgeliefert werden kann.

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